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SichtWeisen | Gender | Foto von Anna Shvets von Pexels

Vielfalt ist die neue Norm!

«Gender» scheint aktuell eine der gesellschaftspolitischen Kontroversen zu sein. Es geht häufig um die Frage, ob das Thema Relevanz für die Mehrheit hat und die viele Aufmerksamkeit in Politik und Medien verdient. Doch was bedeutet »Gender« genau, was wollen «die», die auf dieses Thema aufmerksam machen und inwiefern sind Menschen betroffen, die sich gar nicht betroffen fühlen?

«Gender» ist in jüngster Zeit Thema vieler Berichte und zu Beginn wird erklärt, was der Begriff «Gender» bedeutet. Der Begriff scheint selbsterklärend, bedeutet er übersetzt doch Geschlecht. Nicht ganz. 

Geschlecht und Gender

Das Geschlecht hat verschiedene Ebenen. Zum einen die offensichtlichste, die körperliche Ebene, die von biologischen Merkmalen bestimmt wird. Das, was wir umgangssprachlich als Geschlecht verstehen. Daneben steht die gesellschaftliche, soziale Ebene, wofür der Begriff «Gender» aus dem Englischen übernommen wurde. «Gender» wird als «soziales Geschlecht» oder «Geschlechtsidentität» verstanden und grenzt sich inhaltlich vom biologischen Geschlecht ab. Die Geschlechtsidentität wird stark von sozialen Normen und Rollenbildern innerhalb einer Gesellschaft bestimmt. Rollenbilder hängen wiederum stark mit bestimmten Erwartungen an das Verhalten und die äußere Erscheinung einer Person zusammen, aufgrund eines bestimmten Geschlechts. Es geht also nicht darum, wie wir auf die Welt kommen, sondern wie wir uns in dieser Welt verhalten und uns selbst zuordnen.

Ein Thema, das nur wenige betrifft?

Mit welchem «Gender» sich eine Person identifiziert, ist also eng mit den gesellschaftlichen Vorstellungen verbunden, was «typisch männlich» oder «typisch weiblich» ist. Viele denken, dass sich nur transsexuelle und intersexuelle Personen damit befassen. Vielleicht darum, weil die queere Gemeinschaft die Thematik in die Öffentlichkeit getragen hat. Nicht wenige haben sich bestimmt selbst einmal gefragt, was überhaupt «ein richtiger Mann» oder «eine richtige Frau» ist. Gängige Antworten darauf wie «Frauen haben lange Haare und sind emotionaler» oder «Männer interessieren sich mehr für Technik und weinen nicht» betreffen die Ebene des sozialen Geschlechts. Sie beruhen weniger auf wissenschaftlichen Tatsachen, sondern beschreiben Annahmen darüber, welche Erscheinung, Eigenschaften, Interessen, Stärken oder Schwächen jemand aufgrund des Geschlechts hat. Diese Erwartungshaltung entstammt einer veralteten Sichtweise, die uns alle immer noch beeinflusst, in einer modernen vielfältigen Gesellschaft jedoch immer mehr an Berechtigung verliert.

Ja zu mehr Vielfalt!

Auch wenn das Thema «Gender» von einer Minderheit ausgeht, so kritisieren sie eine lange existierende Norm: die Einteilung der Menschen in Kategorien nach binärem Denkmuster, also nach «trifft zu» und «trifft nicht zu». Unterscheidung wird jedoch nicht kritisiert, im Gegenteil: es geht darum Unterschiede anzuerkennen und Selbstbestimmung, Freiheit und Individualität zu fördern. Die binäre Zuteilung wird der bunten Vielfalt der Eigenschaften und Lebensweisen verschiedener Menschen nicht gerecht. «Gender» ist eine der binären Kategorien, mit denen sich eine Gesellschaft, aber auch Individuen, selbst in ihren Möglichkeiten und ihrem Potenzial einschränken. Das Thema verdient Aufmerksamkeit, da es am teils einzementierten Konstrukt der traditionellen Rollenbilder und Erwartungshaltung rüttelt und menschengemachte Grenzen innerhalb einer Gesellschaft hinterfragt. Die gesellschaftspolitische Aufgabe besteht darin, gesetzliche Rahmenbedingungen zu schaffen, in denen die Vielfalt der Lebensweisen – auch fern der bekannten Kategorien – gleichberechtigt ist. Menschen sind unterschiedlich und schliesslich ist das die große Gemeinsamkeit.

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Annalena Hassler

Annalena Hassler

Annalena Hassler (23) ist gebürtige Vorarlbergerin und Lehramtsstudentin für die UF Deutsch und Psychologie sowie Philosophie an der Universität Wien. Für SichtWeisen möchte sie unter anderem auf aktuelle politische und soziokulturelle Themen eingehen, allen voran auf innovative Konzepte und alternative Überlegungen und die Frage, ob und wie diese den Bodenseeraum beeinflussen können.

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