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Verstädterung am Bodensee: Was sind die Herausforderungen und die Chancen für die Zukunft?

Eine Handvoll globaler Phänomene wird in den kommenden Jahrzehnten massive Auswirkungen auf unsere Lebensräume haben. Die Wichtigsten darunter sind Bevölkerungswachstum, Zuwanderung, Klimawandel und Globalisierung. Wie werden sich unsere Städte in den kommenden Jahrzehnten verändern?

Ein Trend, welcher unsere Umwelt im letzten Jahrhundert komplett verwandelt hat, wird sich ohne Zweifel fortsetzen: Immer mehr Menschen ziehen vom Land in die Stadt. Das ist an sich eine positive Entwicklung, denn urbane Gebiete sind besser gewappnet als ländliche, um mit den zukünftigen Herausforderungen mitzuhalten. In der Raumplanung häufen sich «exotische» Vorstellungen davon, wie eine lebenswerte nachhaltige Stadt in Zukunft aussehen könnte. Man hört von der 15-Minuten-Stadt, der 2000-Watt-Gesellschaft oder von “Forest Cities“. Dabei steht eines sicher fest: die Zeiten, in denen sich unsere Siedlungsräume nach dem Zufallsprinzip entfalten konnten, sind vorbei. Um eine lebenswerte zukunftstaugliche Umwelt zu schaffen, muss diese bereits heute geplant werden.

Wie sieht es in der Bodenseeregion aus?

Im Rahmen des Forschungsprojekts “Bodensee 2030“, welches als Zusammenarbeit von vier Universitäten im Bodenseeraum entstand, wurde zu den zukünftigen Problemen geforscht, die in der Region entstehen könnten. Das starke Bevölkerungswachstum, verbunden mit Zuwanderung, wird zu steigender Flächennachfrage führen. So werden vermehrt Konflikte zwischen verschiedenen Raumnutzungen wie Gewerbe, Wohnen, Landwirtschaft und Tourismus entstehen. Die aktuelle Infrastruktur sei diesen Herausforderungen nicht gewachsen. Die Studie beklagt, dass die nationalen Grenzen in der Region immer noch als starke Beeinträchtigung wirken. Das zeigt sich am Beispiel der Verkehrsplanung: Es gibt wenig grenzüberschreitende Tarifangebote und Abstimmungen. Eine Studie der ETH Zürich, die sich mit den Verkehrssystemen in der Bodenseeregion befasst hat, bemängelt, dass die meisten Bahnlinien des Fernverkehrs an den Grenzen enden. Da jedoch der grenzüberschreitende Verkehr konstant zunimmt und die Straßenverbindungen oft besser als ÖV-Verbindungen ausgebaut sind, verstärkt sich die Autoabhängigkeit in der Region. Angesichts des Klimawandels ist das keine nachhaltige Entwicklung.

Was sind die Lösungen?

An den oben genannten Problemen lässt sich erkennen, dass eine überregionale Raum- und Verkehrsplanung nötig wäre. Ein attraktives, grenzüberschreitendes ÖV-Angebot würde der Region helfen, weiterhin als hochrangiger Lebens- und Wirtschaftsraum zu gelten. Ausserdem können die Kultur- und Naturlandschaften, welche die Bodenseeregion charakterisieren, nur durch eine überregional-koordinierte Raumplanung erhalten werden. Grenzüberschreitende Herausforderungen wie Bevölkerungswachstum und Klimawandel können eine Region – wie der Bodenseeraum – zur Entwicklung einer gemeinsamen Raumstrategie geradezu verpflichten. Das birgt auch viele Chancen in sich. Die grossen Fragen der Zukunft werden mit gebündelten Kompetenzen angegangen, und die Bodenseeregion kann dabei zu einem europäischen Vorbild in Sachen überstaatlicher Raumplanung werden.

Service Box

Die Recherche zu diesem Text basiert auf dem Forschungsprojekt “Bodensee 2030“ welches gemeinsam an der Universität Konstanz, der Universität Liechtenstein, der Universität St.Gallen und der Zeppelin Universität Friedrichshafen erarbeitet wurde, sowie auf dem Projekt “Grenzraum Bodensee“ der ETH Zürich. Diese sind unter folgenden Links zugänglich:

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Leander Lelouvier

Leander Lelouvier (21) ist gebürtiger Südtiroler, hat in den Niederlanden internationale Beziehungen studiert und wohnt heute in Zürich, wo er als freier Journalist schreibt. Am meisten interessiert er sich für die lokalen Auswirkungen globaler Entwicklungen. Wie diese die Bodenseeregion prägen, dem wird Leander im kommenden Jahr für SichtWeisen nachgehen.

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