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Der Traum vom digitalen Landleben

Rund drei Viertel aller Menschen im Bodenseeraum, wie auch im europäischen Durchschnitt, leben laut den Vereinten Nationen in Städten und Agglomerationen. Dieser Wert nimmt seit Jahren stetig zu. Ein Phänomen, das als Urbanisierung bekannt ist. Doch die explosionsartige Verbreitung von Home-Office hat den Traum des «digitalen Landlebens» geweckt. Damit wollen Arbeitnehmende die Nachteile vom Stadtleben ausmerzen, ohne an Bequemlichkeit einzubüssen. Doch kann das funktionieren?

Die Pandemie hat viele neue Entwicklungen mit sich gebracht. Allem voran steht wohl in der Arbeitswelt die rapide Verbreitung vom «Home-Office», dem Arbeiten vom eigenen Zuhause aus. Möglich gemacht hat dies der Durchbruch von Computern und dem Internet in den letzten 50 Jahren. Damit einher geht die örtliche Ungebundenheit, da es praktisch keine Rolle spielt, an welchem Ort man sich beim Home-Office befindet: es braucht lediglich den Computer und eine Internetverbindung.

Die Stadt ist teuer, verschmutzt, laut, und hektisch

Was spricht nun gegen einen Szenenwechsel, weg von den lauten hektischen Strassen der Stadt? Das ZDF kam 2018 in seiner «grossen Deutschland-Studie» auf einen repräsentativen Wert von 44 Prozent der Menschen, die lieber auf dem Land leben wollten. Lediglich 16 Prozent bevorzugten die Grossstadt; dennoch lebt rund ein Drittel der deutschen Bevölkerung in Grossstädten. Einer der bedeutendsten Vorteile vom urbanen Raum ist die Nähe zum Arbeitsort. Doch beim Pendeln geht sehr viel Zeit verloren, die anderweitig gebraucht werden könnte, und die Zeit für den Arbeitsweg kann variieren. Doch wenn der Arbeitsort nicht mehr in der Stadt liegt, könnten sich viele den Umzug aufs Land ernsthaft überlegen. Die Stadt ist teuer, verschmutzt, laut und hektisch. Auf dem Land haben die Leute nicht mit diesen Problemen zu kämpfen. Das scheint für Städter sehr verlockend zu sein.

Auf dem Dorf gibt’s nur 2 MBit/s

Doch es ist nicht alles Gold, was glänzt. Das Landleben bringt auch Herausforderungen mit sich. Einkaufsmöglichkeiten sind beschränkt; man braucht ein Auto um mobil zu sein; Distanzen sind oft länger. Ein Umstand ist aber besonders gravierend – der sogenannte digital gap. Damit wird das Phänomen beschrieben, dass die Internetgeschwindigkeit mit der Bevölkerungsdichte zusammenhängt: je dünner die Besiedelung, desto langsamer das Internet. Das erklärt, weshalb Städte in den Genuss eines schnellen Internets kommen und Dörfer oftmals noch in der heutigen Zeit bei 2 MBit/s stecken bleiben. Das liegt an den Kupferkabeln, welche vielfach die schnelle Datenverbindung sogar nur auf den letzten Metern drosseln. Dabei gelten 10 MBit/s als gerade ausreichend für gängige Konferenztools und Video-Streaming, und vielerorts ist schon die Rede von der «Gigabit Gesellschaft». Unter diesen Bedingungen lässt sich kein Home-Office machen, insbesondere wenn man es, beispielsweise im Ingenieurswesen oder der Architektur, mit grossen Datenmengen zu tun hat.

Es ist Handeln gefragt

Dass viele Menschen den Wunsch hegen, auf dem Land zu leben, ist ein seit langem bestehender Trend, der mit der aktuellen Pandemiesituation an Fahrt aufgenommen hat. Er zeigt, dass die Bevölkerung durchaus in der Lage ist, sich an neue Gegebenheiten anzupassen und andere Lebensmodelle auszuprobieren. Diese Entwicklung muss allerdings auch von staatlicher Seite eng begleitet werden, damit sich das Landleben nachhaltig entwickeln kann. Es ist Handeln gefragt – bis dahin wird für viele der Traum vom digitalen Landleben wohl noch nicht in Erfüllung gehen.

Service Box

Lesen Sie mehr zum Thema im Business Insider Interview mit Valerio Siviero, einem digitalen Büro-Vermittler: https://www.businessinsider.de/karriere/arbeitsleben/warum-der-home-office-trend-zu-einer-stadtflucht-fuehren-koennte/

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Patrick Louis

Patrick Louis

Patrick Louis (21) kommt aus der Schweiz, ist aber in verschiedenen europäischen Ländern aufgewachsen. Daher interessiert ihn die internationale Kooperation im Bodenseeraum besonders. Für SichtWeisen greift er regionale Themen mit überregionalem Hintergrund auf.

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