SichtWeisen

Die glorreichen Alten

Traditionelle Medien, so heißt es oft, hätten das Vertrauen der Bevölkerung verloren. Doch wie steht es wirklich um sie? Eine Betrachtung am Beispiel Deutschlands.

In einem demokratischen System ist es die Aufgabe der Medien, Menschen so zu informieren, dass sie sich an der Politik beteiligen können. Dafür waren Print, Fernsehen und Radio jahrzehntelang die einzigen Instrumente. Dann traten alternative Informationsquellen auf den Plan, wie etwa die sozialen Netzwerke, und viele prophezeiten das Ende der traditionellen Medien. Doch ein Blick auf Deutschland zeigt, dass ein solches Ende noch fern ist. Aus den Zahlen des Reuters Digital News Report geht hervor: Die beliebtesten Informationsquellen sind in Deutschland nach wie vor Fernsehprogramme wie die „ARD-Tagesschau“ oder „ZDF heute“ sowie Zeitschriften wie „Die ZEIT“ oder die „Süddeutsche Zeitung“. Allgemein ist das Vertrauen in die Medien hier sehr hoch: 45 Prozent der Deutschen halten sie für vertrauenswürdig. Zum Vergleich: In den angloamerikanischen Ländern sind es weniger als 30 Prozent.

Hohes Vertrauen während Corona

Laut der publizistischen Langzeitstudie „Medienvertrauen“ der Johannes-Gutenberg-Universität Mainz ist das Vertrauen in die Medien während der Corona-Pandemie gestiegen. Der Anteil radikaler Medienskeptiker*innen sei hingegen geschrumpft. Interessant ist dabei, dass Social-Media-Quellen nach wie vor nicht als verlässlich angesehen werden. Nur fünf Prozent der Studienteilnehmer*innen halten Informationen aus sozialen Netzwerken für glaubwürdig. Dem öffentlich-rechtlichen Rundfunk glauben etwa 70 Prozent der Deutschen, den größeren Tageszeitungen um die 55 Prozent. Die Autor*innen der Studie schreiben aber selbst, dass sich erst zeigen muss, ob dieser Trend ein langfristiger ist. Es könnte auch sein, dass das Vertrauen nach der Ausnahmesituation einer Pandemie wieder zu sinken beginnt.

Mehr Nähe wagen

Jedenfalls erlebten die traditionellen Medien in Deutschland während der Pandemie einen Aufschwung. Das allgemeine Vertrauen in sie stieg. Manche Zeitschriften, wie etwa Die ZEIT, konnten sich sogar über boomende Verkaufszahlen freuen und die Einschaltquoten der Öffentlich-Rechtlichen nahmen zu. Nun gilt es, dieses Momentum auch nach der Pandemie beizubehalten und nachhaltig mehr Vertrauen aufzubauen. Manche Medien machen das schon heute, etablieren unter anderem mithilfe des Internets eine eigene Community, wo es mehr Interaktionen zwischen Autoren- und Leserschaft gibt. Der Bodenseeraum als Grenzregion bietet Berührungspunkte mit der Medienlandschaft Deutschlands. Hier würde es sich anbieten, zeitungs- und länderübergreifend partizipatorische Projekte umzusetzen, mit dem Ziel, das Vertrauensverhältnis zwischen Bevölkerung und Medien auch in den anderen Staaten am Bodensee zu verbessern.

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Matthias Fleischmann

Matthias Fleischmann (24) kommt aus Südtirol, lebt derzeit in Innsbruck und studiert dort Politik und Literatur. Wenn er ziellos spazieren geht, landet er geheimnisvollerweise immer an einem Ufer. In der Bodenseeregion vereint sich seine Liebe zu Berg und Wasser. Über die Internationale Sommerakademie für Journalismus und PR der Uni Liechtenstein fand er zu SichtWeisen.

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