SichtWeisen

Grenzenlos die Zukunft planen

Unsere Welt verhält sich nach Grenzen; in erster Linie nach staatlichen Grenzen. Doch ist das gut so? Wieso es immer wieder hilft, Grenzen neu- oder wegzudenken, und wieso Grenzregionen wie der Bodensee dabei eine wichtige Rolle spielen.

Weil unsere Weltkarte so ordentlich in 195 Staaten aufgeteilt ist, vergisst man oft, dass Staaten nicht schon immer existierten. Grenzziehung gibt es mindestens schon so lange, wie es uns Menschen gibt. Doch eine anerkannte Definition von Staaten und die dazugehörige Selbstverständlichkeit, dass diese Staaten souverän sind, das gibt es erst seit dem zwanzigsten Jahrhundert. Es ist also auch eine relativ junge Entwicklung, dass Staaten die wichtigsten Spielplätze der Politik und der Identitätsstiftung sind. Man kann auch bereits sagen, dass das goldene Zeitalter der Staaten schon wieder vorbei ist. Internationale Organisationen wie die Europäische Union fechten das politische und rechtliche Monopol der Staaten an, gleichzeitig fordern die Globalisierung und das Internet die Position der Staaten als Identitätsstifter heraus.

Willkürlichkeit der Grenzen

Hält man sich in der Nähe einer Grenze auf oder überquert man sie, fällt einem auf, wie willkürlich teilweise diese Linien verlaufen, welche ein Land vom anderen trennt. Grenzgebiete sind in dieser Hinsicht immer interessant, weil sie uns stets daran erinnern, dass Grenzen etwas Menschengemachtes sind. Das Dreiländereck und der Bodensee sind dabei besonders wichtig. Die Region ist wirtschaftlich, verkehrstechnisch und kulturell extrem stark vernetzt. Als Schweizer geht man nach Deutschland einkaufen, nach Bregenz an die Festspiele, und von der Konstanzer Altstadt ist die Schweiz nur wenige hundert Meter entfernt. Für die verschiedenen Uferdörfer und -städte ist die Lage am Bodensee mindestens so identitätsstiftend, wie der Staat, in dem sie sich befinden. Auf See ist diese Willkürlichkeit der Grenzen noch etwas ausgeprägter: Der Obersee ist neben der Emsmündung der einzige Ort in Europa, an dem zwischen Nachbarstaaten nie Grenzen festgelegt wurden. Und es gibt auch keinen akuten Bedarf, die Souveränitätsfrage zu klären: Wegen der intensiven regionalen Zusammenarbeit ist das überflüssig.

Grenzen laufend anpassen Die Internationale Bodenseekonferenz ist 1972 aus der Notwendigkeit geboren worden, sich in Fragen der Umwelt, Raumordnung und des Gewässerschutzes grenzübergreifend abzustimmen. Grenzen sollten immer pragmatisch gesetzt werden. Anstatt unser Leben und unsere Politik entlang bestehender Grenzen zu planen, sollten wir sie nach den bestehenden Gegebenheiten planen. Wo es nötig ist, müssen Grenzen neu-gesetzt oder weggedacht werden. Und unsere Identität muss sich frei entfalten können.

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Leander Lelouvier

Leander Lelouvier (21) ist gebürtiger Südtiroler, hat in den Niederlanden internationale Beziehungen studiert und wohnt heute in Zürich, wo er als freier Journalist schreibt. Am meisten interessiert er sich für die lokalen Auswirkungen globaler Entwicklungen. Wie diese die Bodenseeregion prägen, dem wird Leander im kommenden Jahr für SichtWeisen nachgehen.

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