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SichtWeisen | Covid-19 | Foto von cottonbro von Pexels

Gastbeitag: COVID-19 – Vom Gefühl giftig zu sein

Infektionsraten, medizinische Analysen und Impfstoffprognosen durchfluten die Medienlandschaft. Doch wie wirkt sich eine Ansteckung auf das Daseinsempfinden eines Individuums aus? Über meine frühen Erfahrungen mit der Geissel der Gesellschaft.

Eines Morgens fühle ich mich, wie sonst nur sonntags: Kopfschmerzen, trockener Hals, Reue – das volle Programm. Ich fühle mich giftig, stelle mir vor, ein ausgesetzter Pestkranker vor den Toren einer mittelalterlichen Stadt zu sein. Dann der erste Anruf: „Also die Grippe ist es nicht.“ Sehr aufschlussreich, aber nicht so aufschlussreich, wie der verheerende zweite Anruf.

Die Folgestunden sind schlimm; nicht wegen dem Virus, sondern wegen der Angst. Mein Telefon übertrifft sich selbst, klingelt unentwegt. Und ich rufe an und rufe an. Leute, die ich vielleicht angesteckt habe oder jene, die sich für mein Wohl interessieren. Im Königreich Zimmer herrschen Sorge und Ungewissheit. Doch dann infiltriert die Müdigkeit ihre Lande und lässt es Schafe regnen.

Nach der anfänglichen Aufregung zieht sich meine Welt zusammen, verdichtet sich. Das Hochbett wird zum Gravitationszentrum und die Anziehungskraft immer stärker. Ich liege entsegelt im Schweissbad verankert und meine Körperkräftecrew schläft piratenschatztief. Mein Zimmer ist das erste von dreien, deren Türen in einen langen Flur führen. Fabian steht mit Distanz bewaffnet am anderen Ende des Gangs, der mir so vorkommt, als würde ich ihn durch ein umgekehrtes Fernglas betrachten. Sicherlich mehr als ein Babyelefant Abstand.

In dieser Zeit ist Fabian wie mein Gefängniswächter – eine Brücke zur Aussenwelt, die mir Essen vor die Zellentür stellt. Nur manchmal kommt Besuch bis vor die Wohnung. Magistrat Innsbruck – meine Lieblingsgäste. „Ob es mir gut geht? Ja doch, ich bin ja noch jung. Das pack ich schon. Andere haben nicht so viel Glück.“ Ich schenke ihnen meine Signatur und sie mir im Gegenzug ihren Kugelschreiber, den sie nicht mehr anfassen wollen, nachdem er in meinen giftigen Griffeln lag.

In dieser eng begrenzten Welt ist alles eine Attraktion: ein Duell mit desinfizierten Fingerpistolen, ein mitgehörter Streit auf dem Nachbarsbalkon, ein Hupkonzert auf der Strasse, die vielen Blicke auf den Bildschirm. Und die Zahlen werden surreal. Lottozahlen im selben Atemzug wie Todeszahlen, dreistellig, vierstellig, fünfstellig … Doch trotzdem lebt da eine kleine Hoffnung im Raum, die viel schläft und isst. Sie nährt sich von den besorgten Anrufen, geschenkten Schreibutensilien und anderen Freundlichkeiten, bis sie satt genug ist, um wieder in die Welt zu ziehen.

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Matthias Fleischmann

Matthias Fleischmann

Matthias Fleischmann (23) kommt aus Südtirol, lebt derzeit in Innsbruck und studiert dort Politik und Literatur. Wenn er ziellos spazieren geht, landet er geheimnisvollerweise immer an einem Ufer. In der Bodenseeregion vereint sich seine Liebe zu Berg und Wasser. Über die Internationale Sommerakademie für Journalismus und PR der Uni Liechtenstein fand er zu SichtWeisen und damit zum Schreiben dieses Gastbeitrags.

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