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Wackelt die Urbanisierung?

Die fortschreitende Verstädterung gilt als einer der Megatrends der heutigen Zeit. Besonders in Schwellenländern schreitet die Urbanisierung rasant voran, es bilden sich komplexe Multimillionenmetropolen. In Zentraleuropa scheint die Urbanisierung jedoch ihren Wachstumspeak erreicht zu haben. Die Corona-Pandemie könnte den Beginn einer Stadtflucht ausgelöst haben oder ist dies nur ein temporärer Trend?

Das Coronavirus hat uns nicht nur Lockdowns und geschlossene Innenstädte beschert, sondern auch dazu geführt, dass immer mehr Menschen darüber nachdenken, wie sie denn leben möchten. Für viele ist die eigene Wohnung zu eng, die Sehnsucht nach Natur zu gross. Eine Umfrage der Zeit-Stiftung verdeutlicht diese Situation: Jede*r dritte Bewohner*in einer Grossstadt wünscht sich lieber ein Leben auf dem Land. Dieser Wunsch wurde durch die Corona-Pandemie nochmals verstärkt.

Anteil der Urbanisierung in der Bodenseeregion

Betrachten wir die vier Länder der Bodenseeregion, ist die Urbanisierungsrate recht unterschiedlich. Der Anteil der Bevölkerung in urbanen Räumen liegt in Deutschland und der Schweiz bei über 70 Prozent. In Österreich wiederum bei knapp 60 Prozent und in Liechtenstein gar nur bei etwas über 14 Prozent. Dies illustriert einmal mehr die vielfältigen Strukturen. Doch gerade diese Heterogenität kann genutzt werden, um länderübergreifend Erfahrungen auszutauschen und so vorhandene urbane Strukturen zu optimieren.

Urbanität und Jugend

Trotz Corona ist bei der jungen Generation das Entdecker-Gen stark präsent. Beispielsweise ziehen sie für die weitere Ausbildung in eine grössere Stadt, um Neues zu erleben und zu entdecken. Zeitgleich gibt es auch den Trend hin zu mehr Natur: Wander- oder Kletteraktivitäten sind von den Instagram-Feeds kaum mehr wegzudenken. Die Jungen, die einst den Garten in Form von Urban-Gardening und die Gemeinschaft in Form von Co-Working Spaces in die Städte gebracht haben, könnten zukünftig wieder die Vorteile des Landlebens zu schätzen wissen. Home-Office und Distance-Learning ermöglichen den Schritt „zurück“.

Internet als Bedingung

Durch das Weggehen bringen die jungen Leute neue Perspektiven mit, von denen das Leben am Land profitieren kann. Aufgrund der örtlichen Flexibilität wird sich das Arbeitsbild, wie es bis dato war, zukünftig stark verändern. Zwischenlösungen sind momentan in aller Munde. Co-Working am Land, auch in kleineren Gemeinden, könnte ausserdem dazu beitragen, die Lebensqualität zu erhöhen sowie Staus zu reduzieren. Eine der wenigen Grundvoraussetzungen dafür ist schnelles Internet. Aktuell gibt es diesbezüglich in vielen Orten noch Probleme. Die Länder sollten eine flächendeckende gute Internetanbindung höher priorisieren – nur so können innovative Wohn- und Arbeitsprojekte am Land nachhaltig attraktiv werden.

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Lisa-Maria Neussl

Lisa-Maria Neussl

Lisa-Maria Neussl (28) hat im Rahmen ihres Studiums und zahlreicher Urlaube die Bodenseeregion kennen und lieben gelernt. Bei SichtWeisen beleuchtet sie Hintergründe gesellschaftlicher Trends und liefert Argumente zu aktuellen politischen Themen.

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