SichtWeisen
SichtWeisen | Arbeitswelt | Foto von Andrew Neel von Pexels

Selbständigkeit ist schwer und darüber sollten wir sprechen

In den sozialen Medien wird Selbständigkeit oft als einfacher Weg zur Selbstverwirklichung vermarktet. Dies kann oft zu unrealistischen Erwartungen führen.

Die Ansprüche an die Arbeit haben sich bei den jüngeren Generationen verändert. Es geht nicht mehr nur darum, seinen Lebensunterhalt zu sichern, sondern die Arbeit soll sinnstiftend sein und zur Selbstverwirklichung beitragen. Für manche bedeutet das, ein flexibles Anstellungsverhältnis in einem Unternehmen, welches zum moralischen Kompass passt. Viele junge Menschen träumen aber auch vom nächst grösseren Schritt: der Selbständigkeit.

In verschiedenen sozialen Medien ist dieser Trend ersichtlich. Auf YouTube gibt es unzählige Videos, in welchen einem erklärt wird, wie man mit seinem eigenen Unternehmen innert kürzester Zeit erfolgreich wird. Auf TikTok ist der Hashtag «smallbusiness» im Trend. Instagram Influencer*innen sprechen immer öfter auch über den unternehmerischen Teil ihres Jobs. Das Narrativ ist unabhängig von der Plattform oft sehr ähnlich: «Mach dein Hobby zum erfolgreichen Unternehmen; dadurch wirst du erfüllt, erfolgreich und reich».

Dies ist grundsätzlich eine positive Entwicklung. Junge Menschen, und dabei auch oft spezifisch junge Frauen, werden ermutigt, sich etwas zuzutrauen und an sich zu glauben. Und wenn viele junge Leute mit ihren Ideen durchstarten, kann dies auch Einfluss auf etablierte Unternehmen haben und die Werte und Prioritäten in der Unternehmenswelt können beeinflusst werden.

Selbständigkeit bedeutet auch viel Arbeit und viel Buchhaltung

Beim Unternehmer*innen-Elan in den sozialen Medien wird aber oft nicht die ganze Wahrheit erzählt. Es braucht schon Mut und Einsatz, ein eigenes Unternehmen zu starten und erst recht, um damit erfolgreich zu sein. Zumindest in den ersten Jahren arbeitet man deutlich mehr, als in einem Anstellungsverhältnis und auch der buchhalterische Teil darf nicht unterschätzt werden. So erzählt zum Beispiel die Youtuberin, Michelle Danzinger, offen von ihren finanziellen Problemen und der Überforderung, die sie in Bezug auf Finanzen und Steuern erlebte.

Oft wird auch unterschätzt, was es bedeutet, sein Hobby zum Beruf zu machen. Dass an einem ehemaligen Hobby nun die Existenz hängt, kann einem den Spass daran auch verderben.

Unterstützung durch Politik und Wirtschaft

Dies heisst nicht, dass junge Menschen den Schritt in die Selbstständigkeit nicht mehr wagen sollen, sondern, dass die Informationen darüber besser werden müssen. Eine wichtige Entwicklung ist sicher, praxisnahes Wirtschaftswissen in den Schulunterricht aufzunehmen. Zusätzlich hilft auch eine grenzüberschreitende Unterstützung von Politik und Wirtschaft für lokale, junge Unternehmer*innen. Gerade der wirtschaftlich innovative und erfolgreiche Bodenseeraum könnte hier eine Vorreiterrolle spielen. Und natürlich wäre es für viele hilfreich, wenn in den sozialen Medien realistischer kommuniziert würde. Logisch wird ein «So wirst du mit deinem Hobby in einem Monat reich» mehr geklickt, aber das ehrlichere und realitätsnähere «So habe ich mich mit viel Arbeit und einigen Rückschlägen selbstständig gemacht» würde sicher mehr jungen Selbständigen langfristig helfen.

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Judith Ebnöther

Judith Ebnöther (21) ist für ihr Studium der Politik- und Kommunikationswissenschaften in die Bodenseeregion gezogen. Ihre Interessen sind extrem vielfältig und so möchte sie mit ihren Texten Ideen und Ansichten von verschiedensten Menschen und Thematiken beleuchten.

1 Kommentar

  • Danke für Deinen Beitrag! Interessant ist ja, dass die Vorstellungen darüber, welchen Einfluss der Staat auf die Wirtschaft nehmen darf, in den vier Staaten sehr unterschiedlich.

    Ein regelmässiger Austausch zwischen JungunternehmerInnen über die Landesgrenzen hinweg, bspw. im Rahmen eines jährlichen Forums wäre spannend und nützlich für Alle.