SichtWeisen

Junges Publikum und etablierte Medien – kann das gutgehen?

Nicht einmal jede*r fünfte Jugendliche schlägt mehrmals die Woche eine Tageszeitung auf. Im Gegensatz dazu hat sich die durchschnittliche tägliche Internetnutzung in den letzten zehn Jahren beinahe verdoppelt: Jugendliche verbringen jeden Tag über vier Stunden im Netz. Klassische Medien wie TV, Print und Radio scheinen bei dieser Zielgruppe den Kampf gegen die Online-Konkurrenz schon verloren zu haben. Einerseits bringt die vielfältigere Berichterstattung Positives mit sich, andererseits haben Fake News & Co. nun leichtes Spiel. Doch kann seriöse Berichterstattung online funktionieren und auch Jugendliche begeistern?

Fast 70 % der 15- bis 29-Jährigen in Österreich nennen als wichtigstes Medium das Internet. Dies deckt sich mit Umfragewerten zur Hauptnachrichtenquelle: rund ein Drittel der 18- bis 24-Jährigen verwendet in erster Linie Social Media als Informationsquelle, weit vor Fernsehen oder Print – trotz stetiger Debatten um Fake News.

TikTok – was?

Das vom chinesischen Unternehmen ByteDance betriebene Social Network TikTok ist die am häufigsten gedownloadete App 2020. Es ist eine Plattform für kurze Videoclips, die insbesondere bei Jüngeren grosse Beliebtheit geniesst. Auf der Plattform entstehen regelmässig virale Trends, Internet-Challenges und neue TikTok-Stars mit Millionen von Anhängern. Jede*r hat die Möglichkeit unmittelbar und ohne grossen Aufwand selbst mitzumachen. Besonders beliebt sind kurze Tänze, die millionenfach nachgeahmt werden. Das Unternehmen gilt aufgrund zahlreicher Bedenken als umstritten, u.a. zu Jugend- und Datenschutz oder Zensur. Trotz Kritik ist TikTok für viele nicht mehr wegzudenken.

Chance nutzen und neue Wege gehen

Die Beliebtheit von TikTok, insbesondere bei der Generation Z (jene, die ca. 1997 bis 2010 zur Welt gekommen sind), bietet die Chance, genau diese Jugendlichen gezielt zu erreichen. Die US-Zeitung The Washington Post startete bereits im Mai 2019 mit ihrem TikTok-Account und versorgt seitdem regelmässig mehr als eine Million Abonnent*innen mit kreativ aufbereiteten Nachrichtenvideos. Auch in Deutschland bespielt die Tagesschau die junge Online-Community. In Österreich ist seit kurzem die Nachrichtensendung Zeit im Bild des Österreichischen Rundfunks auf der Video-Plattform vertreten. Hinsichtlich Reichweite der einzelnen Videos muss sich der Kanal keineswegs verstecken. Auffallend ist, dass die beiden Moderator*innen selbst zur Generation Z zählen und daher ehrlichen Content produzieren, der bei den Gleichaltrigen gefragt ist.

Seriösen Medienkonsum in gewohntem Online-Setting ermöglichen

Junge Menschen wollen sich engagieren, sie zeigen regelmässig, dass sie mitreden können und wollen – sei es bei Fridays for Future oder Black Lives Matter. Es ist daher für Medienhäuser naheliegend, ihr Informationsangebot zielgruppenadäquat anzubieten. Umso ermutigender ist die Tatsache, dass in diesem Zusammenhang der Generation Z selbst das Vertrauen geschenkt wird mitzureden. Das 1:1-Kopieren der Nachrichteninhalte würde kaum funktionieren, die Inhalte müssen TikTok-gerecht übersetzt werden – von Jungen für Junge stammen. Ein Faktor dabei ist auch der direkte, unkomplizierte Austausch mit dem Publikum, ein wesentliches Merkmal von sozialen Medien. Diese Form der Information ist ein logischer Schritt auf aktuelle Entwicklungen und gibt den altbekannten Medienhäusern nicht nur eine zusätzliche Plattform, sondern leistet ihren Beitrag im Kampf gegen Fake News, indem Sachverhalte fundiert journalistisch aufgearbeitet werden und so Jugendlichen in gewohntem Online-Setting zur Verfügung stehen. Sollten etablierte Medienhäuser den Zugang zu Jugendlichen nicht völlig verlieren wollen, müssen sie zukünftig wohl „tanzen lernen“.

Info-Box

In einem vergangen Artikel stellten wir Tik-Tok-Accounts vor, die bereits erfolgreich Informationen vermittelten.

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Lisa-Maria Neussl

Lisa-Maria Neussl (28) hat im Rahmen ihres Studiums und zahlreicher Urlaube die Bodenseeregion kennen und lieben gelernt. Bei SichtWeisen beleuchtet sie Hintergründe gesellschaftlicher Trends und liefert Argumente zu aktuellen politischen Themen.

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SichtWeisen – ein Projekt der IBK

Unter «SichtWeisen» werden relevante (Zukunfts)Themen von sechs Jungjournalist*innen professionell aufgearbeitet. «Next Generation Bodensee» möchte mit diesem Projekt der nächsten Generation im IBK-Raum eine politische Stimme geben.