SichtWeisen

Der Bodenseeraum sollte grenzenlos sein, doch dann kam Corona

Durch die Corona-Pandemie hat sich viel verändert in den letzten beiden Jahren. So wurden Grenzen von Nationalstaaten in Europa so wichtig wie schon lange nicht mehr. Was hat und was wird dies für einen Einfluss auf die Identität der sonst so international vernetzten Bodenseeregion haben?

Schweizweit gingen die Bilder von Liebespaaren viral, welche sich unter anderem an der Grenze zwischen der Schweiz und Deutschland für mehrere Monate nur noch durch einen hastig aufgebauten, aber doch streng bewachten Zaun sehen konnten. Für viele jüngere Menschen war die Zeit während des ersten Lockdowns das erste Mal in ihrem Leben, dass sie aktiv geschlossene Grenzen in Europa erlebten.

Dies hatte einen prägenden Einfluss. Das zeigt auch eine Umfrage des universitären Think Tanks «DenkRaumBodensee». 58 % der Befragten unter 30 Jahren gaben an, dass diese Erfahrung ihre Sicht auf das Grenzbild des Bodenseeraums nachhaltig verändert habe, bei den plus 60-Jährigen waren es nur 36 %. Es zeigt sich hier einen klarer Unterschied bei den Altersgruppen: für die Jungen war diese Erfahrung einschneidender.

Die Pandemie und deren Einfluss auf die Region beschäftigte natürlich auch die IBK selbst. Eines der wichtigsten Adjektive, das den IBK-Raum prägte, ist «grenzenlos». Nach einem so grossen Bruch ist eine Neubewertung des regionalen Selbstverständnisses angebracht. Bei einem Strategiegespräch der IBK-Regierungschefs im Sommer 2020 einigte man sich auf gemeinsame Share-Points, um den Austausch von zum Beispiel Corona-Daten schneller und effizienter gestalten zu können. Die vor Covid erstellten Pandemie-Pläne sollen aber laut einem Bericht der Kommission für Gesundheit und Soziales «unberührt bleiben».

Seit den radikalen Grenzschliessungen im Frühjahr 2020 hat sich vieles verändert. Dank den Impfungen und Zertifikaten sind die Landesgrenzen wieder durchlässiger. Trotzdem sind die Grenzen noch spürbar, denn die Staaten der Bodenseeregion reagierten mit unterschiedlichen Massnahmen auf die nachfolgenden Coronawellen. So ist Österreich momentan wieder in einem strikten Lockdown, während nur wenige Kilometer über der Grenze, für Schweizer*innen die Einschränkungen vergleichsweise «locker» sind. Diese Unterschiede weisen einen regional trennenden Charakter auf und machen es trotz der geographischen Nähe sicher um einiges schwerer, eine grenzüberschreitende Identität aufzubauen.

In der Umfrage vom «DenkRaumBodensee» wurde auch nach dem erlebten Effekt der Grenzschliessungen gefragt. Einige der Befragten gaben an, dass diese Erfahrung sie die offene Grenzsituation um den Bodensee mehr schätzen liess, andere wurden angeregt über nationale Egoismen nachzudenken. Lediglich 27 % hatten im Juli 2020 den Eindruck, dass die Grenzschliessung einen nachhaltigen Einfluss auf die Zusammenarbeit im Bodenseeraum haben könnte. Aktuellere Daten und Aussagen dazu gibt es nicht. Durch die andauernde, angespannte Lage ist der Effekt aber wohl nicht kleiner geworden. Deshalb ist es wichtig, dass die IBK den prägenden Effekt der Grenzsituation, vor allem auf die jungen Menschen im Bodenseeraum ernst nimmt, und diese Erkenntnisse allenfalls in ein zukünftiges Krisenmanagement einfliessen lässt.

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Judith Ebnöther

Judith Ebnöther (21) ist für ihr Studium der Politik- und Kommunikationswissenschaften in die Bodenseeregion gezogen. Ihre Interessen sind extrem vielfältig und so möchte sie mit ihren Texten Ideen und Ansichten von verschiedensten Menschen und Thematiken beleuchten.

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Unter «SichtWeisen» werden relevante (Zukunfts)Themen von sechs Jungjournalist*innen professionell aufgearbeitet. «Next Generation Bodensee» möchte mit diesem Projekt der nächsten Generation im IBK-Raum eine politische Stimme geben.