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Die Suche nach der «Mitte»: eine Aufarbeitung des Falles der ehemaligen CVP

Am 28. November 2020, einen Tag vor dem Abstimmungssonntag in der Schweiz, hat die Christlichdemokratische Volkspartei der Schweiz (CVP) einstimmig entschieden, sich in «Die Mitte» umzubenennen. Doch es bleibt fraglich, ob ein solches ‘Facelift’ die CVP tatsächlich wieder erfolgreich machen wird, oder ob nicht tiefergreifende Veränderungen nötig sind.

Corona-konform sassen am letzten Samstag vom November je 30 bis 50 Delegierte an 13 in der Schweiz verteilten und miteinander vernetzen Standorten. Benötigt wurde eine Zweidrittelmehrheit für die Namensänderung, erreicht wurden solide 85 Prozent. Somit heisst es also: volle Fahrt voraus für «Die Mitte»! In Zukunft soll die Partei für Nicht- oder Anderswähler wählbar werden, da die christliche Konnotation fallengelassen wird. Doch erst die Zeit wird zeigen, ob eine simple Namensänderung den Unterschied macht.

Es wäre gefährlich, Linke oder Rechte das politische Geschehen dominieren zu lassen

In einer Demokratie müssen alle Stimmen gehört werden, egal ob sie von links, rechts, oder eben von der «Mitte» kommen. Es wäre gefährlich, Linke oder Rechte das gesamte politische Geschehen dominieren zu lassen, da die ungehörte Minderheit in der Folge zu radikaleren Mitteln greift, um auf sich aufmerksam zu machen. Die Politik muss einen Kompromiss finden, der zwischen zwei Extremen liegt: dem Mehrheitswillen gerecht werden oder die politischen Minderheiten berücksichtigen. Dies klappt in der Schweiz dank ihrer Konkordanzdemokratie gut; doch wenn das Pendel insgesamt nach links oder rechts schwingt, kommt es erfahrungsgemäss irgendwann auch wieder zurück.

Die Mitte ist für diejenigen da, die sich weder mit links noch rechts identifizieren können

Die Mitteparteien stellen in der Pendel-Analogie das Gewicht des Pendels dar: wenn es eine starke Mitte gibt, also das Pendel schwer ist, kann links oder rechts zwar ziehen, aber das Pendel wird nicht schnell in ihre Richtung schwingen. Doch die Mitte verschiebt sich in der Schweiz kontinuierlich nach links, und dies wohl auch wegen der Trägheit der CVP in der Loslösung von veraltetem Gedankengut, wie etwa beim Konzept der Ehe nur zwischen Mann und Frau und der langsamen Implementierung von Online-Strategien. Die Mitte würde gut daran tun, sich vor Augen zu führen, was sie wertvoll macht: sie ist da für diejenigen, die sich weder mit links noch rechts identifizieren können.

Die Achillesferse der restlichen Parteien: sie zielen auf eine begrenzte Zielgruppe

Der Anlass der Namensänderung hätte genutzt werden können, um diese Strategie zu schärfen: eine Politik für alle. Denn dies ist die Achillesferse der restlichen Parteien: sie zielen auf eine klare und begrenzte Zielgruppe, seien es umweltbewusste Akademiker*innen, Unternehmer*innen oder Bauern und Bäuerinnen. Um diese zu erreichen, sollte das Potenzial des Internets nicht ungenutzt bleiben. Es sind innovative Ideen gefragt: Wahl-Tools, Online-Podien, interaktive Instagram-Seiten bilden hier nur den Anfang, und diese hätten auch den Anfang einer erfolgreichen neuen «Mitte» bilden können. Denn die Parteibasis der CVP wird immer kleiner. Es ist eine Frage der Zeit, bis die nächste Reform der neuen Mitte angekündigt wird.

Diese Grafik der NZZ zeigt deutlich, dass die «Mitte» bei den Parteien in der Schweiz immer mehr verschwindet.
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Patrick Louis

Patrick Louis

Patrick Louis (21) kommt aus der Schweiz, ist aber in verschiedenen europäischen Ländern aufgewachsen. Daher interessiert ihn die internationale Kooperation im Bodenseeraum besonders. Für SichtWeisen greift er regionale Themen mit überregionalem Hintergrund auf.

2 Kommentare

  • Die Frage heisst nicht, links, rechts oder mitte. Die Frage ist Grundwerte (Ideologie) und Stellungnahme bei wichtigen Themen. Es gibt einzelne CVP Politiker die ich positiv wahrnehme, andere nicht. Die Partei ist für mich ein Neutrum, und das ist nicht attraktiv.

  • Spannende Überlegungen wobei linke und rechte Parteien unfreiwillig und aus unterschiedlichen Gründen Koalitionen bilden können, was für eine lösungsorientierte Entwicklung eines Landes nicht immer hilfreich ist.