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Leben, um zu arbeiten oder arbeiten, um zu leben?

Der Begriff der »Work-Life-Balance« ist den meisten bekannt und durchaus wichtig. Doch Beruf und Privatleben lassen sich nur schwer konsequent voneinander trennen. Ein Blick darauf, woran es an der praktischen Umsetzung scheitert und wie die Verknüpfung von Arbeit und Leben sogar eine Bereicherung sein kann.

Es ist schwierig »Work« und »Life« in der Praxis komplet voneinander abzugrenzen. Vor allem Selbstständige kennen die Situation, wenn der ersehnte Feierabend nicht dann beginnt, sobald das Geschäft oder Büro verlassen wird. Die Digitalisierung beeinflusst nicht nur unser Privatleben und gibt uns die Möglichkeit, sich im Prinzip ständig und ununterbrochen mit anderen Menschen zu vernetzen. Auch der Arbeitsalltag vieler Menschen ist stark mit der Digitalisierung verflochten. Viele Aufgaben können mittlerweile unabhängig von Ort und Zeit erledigt werden, die von vielen gewünschte strikte Grenze zwischen Arbeit und Freizeit verschwimmt so zunehmend.

»Work-Life-Balance« vs. »Work-Life-Dynamik«

Doch genau hier stellt sich die Frage, ob der Begriff der »Work-Life-Balance« der Realität wirklich Rechnung trägt und nicht langsam überholt ist. »Work-Life-Dynamik« ist ein Vorschlag für eine integrative Bezeichnung, die Beruf und Privatleben miteinander verbindet, anstatt sie voneinander abzugrenzen. »Work-Life-Dynamik« schreibt auch der Sinnhaftigkeit einer Tätigkeit mehr Bedeutung zu. Wenn die Hauptmotivation im Beruf die Arbeit an sich ist, wenn sie Freude, Kreativität und Neugier weckt, wird die strikte Trennung von Beruf und Freizeit dann immer noch als Kriterium oder Voraussetzung für einen guten und zufriedenstellenden Arbeitsplatz gesehen?

Lebenslanges Lernen als Sinnstifter

Unabhängig von Branche und Tätigkeit lässt sich allgemein die Frage stellen, wie die Sinnhaftigkeit für Arbeitnehmer*innen im Beruf gesteigert werden kann. Das Konzept des »Lebenslangen Lernens« (LLL) sollte dabei unbedingt erwähnt werden. Nicht nur im Berufsalltag gewinnt es immer mehr an Relevanz, es ist im Prinzip eine Lebens- und Lerneinstellung, die sich auf alle Bereiche im Leben anwenden lässt. Bildung ist kein Produkt, sondern ein Prozess. Sie ist nicht auf Unterrichtsfächer begrenzt und ebenso wenig endet sie mit einem Schulabschluss oder in einem bestimmten Alter. Von dieser Perspektive ausgehend ist Bildung als gesellschaftspolitische Aufgabe zu verstehen, die vermehrt und auf vielfältige Weise in alle Berufe getragen werden soll.

Bildung und Bedeutung im Beruf

Derselbe Auftrag gilt für die Digitalisierung und die technologischen Anforderungen, die sich im ständigen Wandel befinden. Vor allem für »Digital Immigrants« ist diesbezüglich die Bereitstellung von Weiterbildungen ausschlaggebend, um weiterhin selbstwirksam ihre Arbeit auszuüben und den Aufgaben im digitalisierten Arbeitsmarkt gerecht zu werden. Schulungen von Soft Skills wie Zeitmanagement, Teamfähigkeit oder Kritikfähigkeit sind Beispiele, wie »LLL« noch im Arbeitsleben angewendet werden kann, um sich persönlich weiterzubilden und parallel die Bedeutung der eigenen Tätigkeit zu stärken.

So gerne man vielleicht Beruf und Freizeit klar voneinander trennen möchte – Arbeit und Leben sind sinnverwandt. Das Konzept »LLL« sieht den Menschen als sinnstiftendes Wesen, das Verantwortung übernehmen, Leistung bringen, sich selbst verwirklichen und vor allem lernen will. Die Fusion von Arbeit und Privatleben kann dann eine Bereicherung sein, wenn berufliche Weiterbildung auch privat zugutekommt und persönliche Weiterbildung ebenso im Beruf einsetzbar ist und weiterentwickelt wird.

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Annalena Hassler

Annalena Hassler (23) ist gebürtige Vorarlbergerin und Lehramtsstudentin für die UF Deutsch und Psychologie sowie Philosophie an der Universität Wien. Für SichtWeisen möchte sie unter anderem auf aktuelle politische und soziokulturelle Themen eingehen, allen voran auf innovative Konzepte und alternative Überlegungen und die Frage, ob und wie diese den Bodenseeraum beeinflussen können.

1 Kommentar

  • Schöner Beitrag! Um das LLL zu fördern, muss sich aber in den Schulen einiges ändern. Wenn Jugendliche in der Berufsschule verunsichert sind, weil sie zum ersten Mal zu hören bekommen, sie hätten Talent, dann ist Vieles schief gelaufen, was dem LLL nicht dient.

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