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SichtWeisen | Gender | Bild von Siggy Nowak auf Pixabay

Gleichstellung: Kommt Bewegung in die Schweizer Kluft?

Vor dem Gesetz sind alle gleich. Doch was, wenn im Gesetz selbst eine absolute Gleichstellung fehlt? Erst kürzlich veröffentlichte die Weltbank, dass es weltweit insgesamt nur zehn Länder gibt, in denen es eine völlig rechtliche Gleichstellung von Männern und Frauen gibt. Die Schweiz wird dabei deutlich von den EU-Staaten abgehängt. Aber langsam kommt etwas Bewegung in den Gender-Gap?

Belgien, Frankreich, Dänemark, Lettland, Luxemburg, Schweden, Kanada, Island, Portugal und Irland – diese Länder bieten ihren Bewohner*innen umfassende, rechtliche Gleichstellung und zwar unabhängig vom Geschlecht, so der Bericht der Weltbank. Im Vergleich dazu schneiden die Länder der Bodenseeregion akzeptabel ab, dennoch werden Unterschiede deutlich. Deutschland erreicht ähnlich wie Österreich um die 97 von 100 möglichen Punkten. Die Schweiz hingegen wird mit nur knapp 86 Punkten bewertet.

Spätzünder Schweiz

Historisch gesehen hatte die Schweiz einen späten Start hinsichtlich Geschlechtergleichheit: Erst vor 50 Jahren bekamen Frauen eine Stimme bei den offiziellen Wahlen. Obwohl bereits einiges aufgeholt wurde, schlummert noch grosses Potential für weitere Entwicklungen. Bei näherer Betrachtung des Berichts der Weltbank fällt auf, dass die Schweiz gleich in drei Kategorien Aufholbedarf hat: Elternschaft, Unternehmertum und Pensionen. Diese Bereiche unterscheiden sich teils eklatant zum Status Quo vergleichbarer Staaten.

Kinder betreffen beide Eltern

Die junge Generation mag sich momentan noch wenig Gedanken über zukünftige Pensionen machen, aber Unternehmertum und Familiengründung liegen zeitlich näher im Fokus. Frauen sollten ebenso wie Männer die gleichen Rechte und auch Pflichten haben, ein Unternehmen zu gründen. Ebenso betreffen Kinder beide Geschlechter: Wenn Väter für ihre Kinder auf Arbeitszeit verzichten wollen, sollte der Staat ihnen eine Möglichkeit bieten. In Island beispielsweise ist die Karenz dreigeteilt, wobei je ein Teil für Mutter und Vater verpflichtend ist und der dritte Teil variabel aufgeteilt werden kann. In Deutschland und Österreich hat man das Recht, nach der Elternzeit die alte Stelle wieder in Vollzeit anzutreten. Ein zehntägiger Vaterschaftsurlaub, wie er in der Schweiz eingeführt wurde, ist ein Schritt in die richtige Richtung, greift aber noch zu wenig.

Chancen nutzen

Bei Chancengleichheit treten Frauen vermehrt in das Erwerbsleben ein und bleiben eher im Berufsleben. Dies führt im Allgemeinen zu einem höheren wirtschaftlichen Entwicklungsniveau. Studien zeigen, dass insbesondere Staaten mit weiblicher politischer Vertretung eher Gesetze für eine Geschlechtergleichstellung verabschieden. Seit den Parlamentswahlen im Jahr 2019 scheint die Schweiz auf dem richtigen Weg, denn es wurden noch nie so viele Frauen in Verantwortungspositionen gewählt wie bei dieser Wahl. Es bleibt zu hoffen, dass die Entwicklung weiter in die richtige Richtung geht und eine völlig rechtliche Gleichstellung von Männern und Frauen bald auch in der Schweiz erreicht wird.

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Lisa-Maria Neussl

Lisa-Maria Neussl (28) hat im Rahmen ihres Studiums und zahlreicher Urlaube die Bodenseeregion kennen und lieben gelernt. Bei SichtWeisen beleuchtet sie Hintergründe gesellschaftlicher Trends und liefert Argumente zu aktuellen politischen Themen.

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